22. Aug 2019 06:08
Ein Kommentar

650 Mbit/s Dual WAN mit SVDSL und DOCSIS

Wer sich in Deutschland glücklich schätzen darf und in einer Großstadt lebt, kann zwischen einem Kabelanschluss und DSL wählen. Genauer gesagt in Nordrhein-Westfalen zwischen Unitymedia mit maximal 400 Mbit/s und der Telekom mit maximal 250 Mbit/s. Mit SVDSL hat man sehr gute Latenzzeiten und eine zuverlässige Telekom-Leitung, die durch stabile Bandbreiten glänzt. Mit DOCSIS erhält man deutlich höhere Bandbreiten und ein ebenfalls recht stabiles Netz, wobei sich einige Nutzer häufiger beschweren, dass es zu Abendzeiten zu Engpässen käme. Vorweg kann man jedoch sagen, dass beide Netze gute Breitbandnetze sind und man weder mit der Telekom noch mit Unitymedia größeren Ärger im laufenden Betrieb hat. Die Antwort, ob Telekom oder Unitymedia lautet daher: Beide gleichzeitig. Genau darum geht es in diesem Artikel.

Ubiquiti EdgeRouter Dual WAN

Mit einfacher Mathematik müssten sich doch 250 Mbit und 400 Mbit zu 650 Mbit Download sowie mit zweimal 40 Mbit zu 80 Mbit Upload kombinieren lassen? Was in der Mathematik eine recht einfache Addition ist, bedarf in der Informationstechnologie insbesondere in der Netzwerktechnik ein paar tieferen Handgriffen. Es ist jedoch ohne Weiteres möglich mehrere Leitungen gleichzeitig zu verwenden.

Was ist Dual-WAN Load Balancing?

Das sog. "Load Balancing", zu Deutsch "Lastverteilung", wurde ursprünglich zur Verteilung von Anfragen auf mehrere Internetserver verwendet. Hierbei werden Anfragen von einem zentralen Punkt, dem Lastverteiler, entgegen genommen und an die entsprechenden Stellen weiter geleitet. Beim sog. Dual-WAN oder Multi-WAN werden die Datenpakete aus dem eigenen Netz in das Internet auf mehrere Leitungen verteilt. In unserem konkreten Beispiel eben auf SVDSL und DOCSIS, um so 650 Mbit/s Download und 80 Mbit/s Upload zu erreichen.

Was für 650 Mbit/s Dual-WAN benötigt wird

Zunächst einmal sollte man sich bewusst sein, dass handelsübliche Heimgeräte selten Dual-WAN unterstützten. Ausnahme sind DSL/LTE-Kombirouter, die von Haus aus Dual-WAN mit LTE und DSL machen. Ich empfehle hier ganz klar einen EdgeRouter von Ubiquiti. Gleichwohl ich hier im Artikel einen Ubiquiti EdgeRouter 8 mit Rackmontage kombiniert mit einem Ubiquiti EdgeSwitch 24 Lite (ebenfalls rackmontiert) verwende, bieten auch die kleineren Geräte von Ubiquiti für weniger Geld ähnliche Leistung im Heimgebrauch. Wer jedoch einen Rackschrank im Keller oder sonstwo stehen hat, sollte auf rackmontierbare Geräte zurückgreifen.

Selbstredend sollte man über ein Gigabit-Ethernet oder (ab 1 Gbit/s Bandbreite) über eine hausinternes Glasfasernetz (mit SFP-Steckern) verfügen. Da ich in meinem Test "nur" 650 Mbit/s erreichen werde, sind wir geradeso an der Grenze des Gigabit-Ethernet. Dieses schafft effektiv meistens bis zu 800 Mbit/s. Schauen wir uns die zusätzlichen Komponenten einmal an.

  • Draytek Vigor 165 SVDSL Modem
  • Unitymedia ConnectBox (CBN CH7465) DOCSIS Modem
  • Ubiquiti EdgeRouter 8 (o.Ä.)
  • Ubiquiti EdgeSwitch 24 LITE (o.Ä.)
  • Cat6 oder Cat7 Ethernet-Kabel
  • Einen Telekom-SVDSL Hausanschluss
  • Einen Unitymedia-DOCSIS Hausanschluss

Schritt für Schritt zum 650 Mbit/s Dual-WAN

Zunächst sollten beide Anschlüsse, also von Telekom und Unitymedia, einzeln im Haus vorhanden sein und mit entsprechenden Modems ihre Bandbreiten liefern. In jedem Falle sollte man bei Unitymedia zum Power-Upload mit echtem Dual-Stack greifen (für einen kleinen Aufpreis). Beide Anschlüsse sollten sowohl über IPv4 als evtl. auch IPv6 verfügen. Ansonsten wird das Load Balancing nicht funktionieren und Daten bei IPv6 oder IPv4 mit Dual-Stack Lite gegebenenfalls nur über eine Leitung laufen. Zudem sollten beide Modems im Bridge-Mode laufen.

Vorbereitung der SVDSL- und DOCSIS-Modems

Das DOCSIS-Modem lässt sich nach Freischaltung durch Unitymedia in den Bridge-Mode versetzen und der EdgeRouter kann sich über DHCP eine IP-Adresse geben lassen. Bei der Telekom muss der DrayTek-Router als Bridge konfiguriert werden. Darüber möchte ich mich garnicht auslassen, denn der liebe Dominik Bamberger hat dazu ein prima Tutorial mit Video verfasst: Draytek Vigor 165 im Bridge Mode. Es sei dazu erwähnt, dass wir in unserem Beispiel den VLAN-Tag 7 für SVDSL vom Draytek Vigor setzen lassen. Nach der Installation sollte die Unitymedia Connect Box im Bridge-Mode per DHCP eine öffentliche IP-Adresse liefern und der Draytek Vigor ebenfalls im Bridge-Mode dann über PPPoE eine öffentliche IP-Adresse liefern.

Konfiguration des Ubiquiti EdgeRouter und EdgeSwitch

Den EdgeSwitch möchte ich hier nicht im Detail besprechen, da der wirklich recht einfach zu konfigurieren ist. Es sollte in jedem Falle auf gute, brauchbare Netzwerkkabel geachtet werden! Ich kann die Amazon Basics Netzwerkkabel persönlich empfehlen, obwohl mir die Stecker manchmal etwas zu breit sind.

Im EdgeRouter meldet man sich mit dem Standardzugang (Benutzer "ubnt" und Passwort "ubnt") an und gelangt auf die Konfigurationsoberfläche. Bitte EdgeRouter und EdgeSwitch vorher mit aktuellster Firmware versorgen! Über "Wizards" und dann "Load Balancing" unter "Setup Wizards" gelangen wir zur kinderleichten Einrichtung des Load Balancing.

EdgeRouter Dual WAN Load Balancing Konfiguration

Wir haben das Netzwerkkabel an der Unitymedia Connect Box in den Port "eth0" gesteckt und das Draytek Vigor 165 Modem für die Telekom an "eth1". Das Netzwerkkabel zwischen EdgeRouter und EdgeSwitch steckt in "eth2". Während der Port "eth0" einfach per DHCP eine IP-Adresse bekommt, müssen wir die Telekom-Zugangsdaten für PPPoE eingeben (Welche das genau sind, steht auch in der Anleitung des Draytek Vigor drin!). Wer noch keinen neuen Admin-Benutzer angelegt hat, kann das jetzt auch über diesen Wizard machen. Die "LAN-to-LAN Exclusion" lassen wir aktiviert. Nach einem Neustart finden wir dann auch die funktionierenden Anschlüsse im EdgeRouter vor.Dashboard des EdgeRouter mit Multi-WAN bzw. Dual-WAN

Mit einem kurzen Speedtest (gerne auch mehrmals hintereinander), werden wir jetzt auch sehen, dass wir die volle Brandbreite von über 650 Mbit/s erreichen. Bei Speedtest.net ist es so, dass die erste anfragende IP-Adresse (die die HTTP GET Anfrage an den Server stellt) für die Ermittlung des Providers verwendet wird. So finden wir wahlweise Unitymedia oder Telekom in der Liste.

650 Mbit/s Dual WAN mit Telekom und Unitymedia

Switching und Routing-Kapazitäten der Hardware

Wer mit Dual WAN mehr als 1 Gibt/s erreichen möchte (z.B. durch Bündelung zweier Glasfaseranschlüsse), sollte in jedem Fall den EdgeSwitch über SFP mit dem EdgeRouter verbinden. Mein EdgeRouter 8 kann 2 Mio. Pakete pro Sekunde uns bis zu 38 Gbit/s routen. Er ist jedoch beim Switching langsamer, da er hierfür keinen integrierten Chip hat. Es empfiehlt sich in jedem Fall Switching immer über einen EdgeSwitch zu machen. Mein EdgeSwitch 24 LITE hat eine Switching-Kapazität von etwa 62 GBit/s.

Nachteile und Problemchen des Dual-WAN

Grundsätzlich verwendet man jetzt abwechselnd zwei öffentliche IP-Adressen im Internet. Das ist bei modernen Websites, die häufig selbst Load Balancer einsetzen, grundsätzlich kein Problem. Apple, Google, Facebook, Microsoft, Amazon und Co. verwenden die IP-Adressen ihrer Nutzer in den Diensten nicht zur Identifizierung. Beim Test hatte ich jedoch erhebliche Probleme mit dem Kundencenter von Unitymedia. Auch Telekom VoIP-Anschlüsse lassen sich nur über den Telekom SVDSL-Anschluss nutzen.

Statische Routen für bestimmte Zieladressen

Mit statischen Routen lassen sich bestimmte Zieladressen über definierte Schnittstellen leiten. Dadurch kann man die Verbindung von IP-Telefonen zum SIP-Server der Telekom auch ausschließlich über die Telekom-Leitung schicken.

Statische Routen im EdgeRouter

Mit den statischen Routen kann man alle Dienste abdecken, die Probleme mit wechselnden IP-Adressen haben. Es gibt auch die Möglichkeit "Sticky Session" zu verwenden, sodass das Load Balancing nach Zieladressen oder Ports gemacht werden kann. Das wiederspricht jedoch dem grundlegenden Verständnis von Load Balancing. Der EdgeRouter führt ohnehin selbst schon TCP-Sessions über eine feste Schnittstelle, da sonst das TCP-Protokoll nicht funktionieren würde.

Fazit und für wen Dual-WAN geeignet ist

Mit Multi-WAN lassen sich alle Arten von Internetzugängen bündeln. Ganz gleich, ob man diese parallel oder im Falle eines Ausfalles verwenden möchte. Im konkreten Beispiel merken die Geräte im Netzwerk auch nicht, ob eine der beiden Leitungen ausfällt. Auf dem EdgeRouter 8 können bis zu 7 Internetanschlüsse verwendet werden. Es müssen auch keine Kabel- oder DSL-Anschlüsse sein. Multi-WAN wird insbesondere bei LTE gerne eingesetzt. Wer also weder eine DSL noch eine DOCSIS-Leitung hat, kann auch mehrere LTE-Anschlüsse bündeln (z.B. alle drei deutschen Netzanbieter gleichzeitig). Dual-WAN bietet sich an, wenn man sehr hohe Bandbreiten braucht oder extrem geringe Bandbreiten hat und so z.B. LTE, Satellit, Richtfunk, Erdkabel & Co. miteinander bündeln möchte. Für Nutzer, die hohe Verfügbarkeit benötigen und sich einen Ausfall der Leitung nicht leisten können, ist Multi-WAN ebenfalls sehr gut geeignet. Außer finanziellen Gründen (SVDSL und DOCSIS kosten beide je 20-40 € pro Monat) spricht nichts dagegen bis zu 6 Leitungen zu bündeln. Wer jedoch nur Abends ab und zu mal Netflix schaut, tagsüber im Büro oder anderswo arbeitet und auch sonst nur ab und an seinen Zugang braucht, der benötigt sicherlich kein Dual-WAN. Wer beruflich auf seinen Internetzugang angewiesen ist, eine größere Familie, ein Unternehmen, ein Mehrgenerationenhaus, eine WG oder eine Pension oder gar ein Hotel hat, der sollte in jedem Fall Dual-WAN in Betracht ziehen. Die Netzwerkhardware von Ubiquiti kann uneingeschränkt, insbesondere für den Profi-Einsatz, empfohlen werden!

Bücher zum Thema „Netzwerk“

Die nachfolgenden Bücher behandeln das Thema "Netzwerk" und werden von Amazon empfohlen. Viele dieser Bücher habe ich selbst gelesen und teilweise auch zur Recherche für diesen Artikel genutzt.

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Kommentare zum Thema „650 Mbit/s Dual WAN mit SVDSL und DOCSIS“

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27.04.2020 11:21
Hi, bin gerade auf deinen Artikel gestoßen. Ich habe eine Nachfrage dazu. Muss es ein EdgeSwitch sein oder funktioniert es auch mit meinem bereits vorhandenen Unifi Switch?
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